
Unknown artist
Auf Collaerts Stich eröffnet sich der Blick auf eine weite Rasenfläche, die von Bäumen umstanden wird. Etwas oberhalb des Bildzentrums sitzt ein Mann mittleren Alters auf einem Stein, nur zum Teil von einem Tuch bedeckt, und spielt auf einer Kithara. Von hinten umfängt ihn eine Baumgruppe, während sich auf dem Platz vor ihm eine Gruppe unterschiedlicher Tiere versammelt und es sich im Stehen, Sitzen oder Liegen bequem gemacht hat. - Unter den Tieren sind einerseits solche, die sich bei Menschen aufhalten und diesen sogar als Nutztiere dienen, wie Pferd, Ochse, Ziege, Hund und Katze. Andererseits sind auch wilde Tiere zu erkennen, die sich wiederum in zwei Gruppen aufteilen lassen. So haben sich nicht nur Zuhörer eingefunden, die in nördlichen Breitengraden leben, wie Wolf, Bär, Hirsch, Reh, Fuchs und Auerhahn, sondern auch exotische, wie Elefant, Kamel, Löwe, Affe und Pfau. - Dass sich diese große Anzahl von Tieren so friedlich zusammengefunden hat, begründet sich in der Figur des Mannes, welcher Orpheus, den Sohn des thrakischen Flußgottes Oiagros und der Muse Kalliope verkörpert. Dem griechischen Mythos nach handelt es sich bei Orpheus um einen thrakischen Sänger und Kitharaspieler, der mit seiner Musik selbst Steine, Bäume und Tiere bezaubern konnte. Bekannt ist vor allem der Teil seiner Lebensgeschichte in dem er mit seinem Kitharaspiel sogar die Götter der Unterwelt überredet hatte, seine Gemahlin Eurydike wieder ins Leben zurückzuschicken. Diese Gnade wurde allerdings rückgängig gemacht, als Orpheus sich trotz des Verbots nach ihr umsah. - Als Hauptquellen der Erzählung gelten heute Vergils Georgica und Ovids Metamorphosen. Die Orpheusmythen gehören seit dem 5. Jahrhundert zu den beliebtesten Themen in malerischen und plastischen Darstellungen. Neben dem Sänger unter Tieren wurden auch andere Szenen, wie die Erlebnisse in der Unterwelt, bildlich umgesetzt. - Der Stich ist das Titelblatt einer Serie von zwanzig Platten, die sich der Darstellung von Tieren widmet (siehe auch Kat. Nr.?). Die lateinische Bildunterschrift verkündet, daß auf diesem von Collaert angefertigten Kupferstich, kunstvoll und wahrheitsgetreu gezeichnet vierfüßige Tiere aller Art festgehalten seien. Der in der Signatur genannte Ioannes Galle war wahrscheinlich der Verleger des Blattes. Collaert erhielt vermutlich seine Ausbildung bei Philipp Galle und war Mitarbeiter in dem Atelier von dessen Familie, in die er später einheiratete. Der Hinweis auf „wahrheitsgetreu“ läßt vermuten, daß die Abbildung der Tiere, insbesondere die der Exoten, für Collaert besonders wichtig war und daß er die Szene mit Orpheus nur gewählt hat, um einen passenden Rahmen dafür zu liefern. Möglicherweise dienten ihm dabei die Tierstücke des dafür sehr bekannten flämischen Künstlers Roelant Savery als Vorbild, der ebenfalls Themen wie den Garten Eden, Orpheus und Arche Noah nutzte, um möglichst viele Tiere in einer Komposition unterbringen zu können. Im Gegensatz zu Savery, der in seiner Zeit als Hofkünstler in Prag und Wien verschiedene und auch fremdländische Tierarten in der kaiserlichen Menagerie zu sehen bekam, wurde Collaert solcher wohl nicht mit eigenen Augen ansichtig. Es ist auffällig, daß die heimischen Tiere gut getroffen sind, während Kamel, Affe und Elefant dagegen etwas unvollkommen erscheinen - ersteres ist nur zum Teil zu sehen, der Elefant bleibt in weiter Ferne, um anatomische Genauigkeit zu vermeiden, und das Gesicht des Affen ist recht phantasievoll. - Im 16. Jahrhundert etablierte sich zunehmend die Landschaftsmalerei als solche. Das Bild einer Landschaft – besonders eben auch einer fremdländischen- diente oft als Ersatz für reale Reisen, die zu teuer und zu gefährlich waren. Ähnlich verhält es sich wohl auch mit Tierstücken wie diesem von Collaert: „....Welch unendliche Ergötzung schöpft man aus der Verschiedenheit von Völkern und Tieren, Vögeln, Fischen...Und das alles in einem warmen Wohn- oder Studierzimmer...“. -
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