
Unknown artist
Der Kupferstich von Karel de Mallery bietet einen Einblick in eine Seidenmanufaktur des 16. Jahrhunderts. Elf Frauen führen unterschiedliche handwerkliche Tätigkeiten der Seidenproduktion an verschiedenen Geräten aus. Diese befinden sich in einem aus Arkaden gebildeten Raum im Vordergrund. Durch eine Arkadenöffnung in der hinteren linken Bildhälfte lassen sich fünf weitere Figuren mit Körben auf einem mit dicht aneinander-stehenden Häusern umgebenen Platz erkennen. - Drei der Figuren im Bildhintergrund sortieren hockend aufgehäufte, pflaumengroße Gebilde, die Kokons, in die Körbe, zwei weitere stehen. Eine der beiden trägt einen mit Kokons gefüllten Korb auf dem Kopf. Sie bildet das Pendant zu der in Vorderansicht dargestellten korbtragenden Frau links der Mittelachse. Beide bringen die Gespinsthüllen zu den an zwei Maschinen, den Seidenhaspeln, arbeitenden Frauen im Bildvordergrund. Diese Haspeln ermöglichen das Abwinden der Seide von den Kokons und werden von jeweils drei Frauen bedient. Zwei sitzen vor einem Kessel, der von unten befeuert wird, um die Kokons zu kochen. Durch diesen Kochvorgang werden zum einen die Puppen abgetötet, damit sie das Gespinst nicht mehr durchdringen können, und zum anderen die Flockenseide von den Kokons gelöst. Mittels einer Rute nehmen die Arbeiterinnen die Fäden und Gespinsthüllen in einen Faden auf. Dieser Faden durchläuft einen ringförmigen Fadenhalter und wird dann auf der hölzernen Haspel befestigt, die eine Dreherin mittels einer Kurbel kreisen lässt. Ein Kokon ist aus etwa 3000-4000 Meter Faden aufgebaut, wobei nur etwa 700 bis 1000 Meter verwertbar sind, da die äußere, wirre Fadenschicht sowie die innere Schicht keinen regelmäßigen Faden liefern. - Den nachfolgenden Herstellungsablauf zeigt die Frau im linken Bildvordergrund: Sie nimmt die gehaspelte Seide in Strängen von der Haspel ab, um sie anschließend mittels eines Rades auf Spulen, sogenannte Bobinen, aufzuwickeln. Doch um zum vollendeten Seidenfaden zu gelangen, bedarf es noch weiterer Arbeitsschritte: Dem Duplieren, Zwirnen und Färben. Diese Arbeitsgänge sind jedoch nicht dargestellt. Bei der stehenden Frau mit Kind auf dem Arm im Bildvordergrund könnte es sich um die Werkmeisterin handeln, die die Tätigkeit der Arbeiterinnen überwacht. - Auffällig ist, daß lediglich Frauen abgebildet sind. In Manufakturen wurden häufig weibliche Arbeitskräfte eingesetzt, da sie geringeren Lohn beanspruchten als männliche; zudem wurde die Arbeitsleistung in Textilmanufakturen nach Stücklohn bezahlt.1 Die Arbeiterinnen erhielten nur für jedes Stück gut gehaspelte Seide einen Lohn; schlecht gewundene Seide wurde nicht bezahlt und musste umgehaspelt werden. Dadurch konnte der Manufakturbesitzer oder Werkmeister die Arbeitsintensität kontrollieren und bei geringer Qualität der Seide den Stücklohn senken. Die Betriebe wurden häufig von Frauen geleitet, deren Ehemänner im Groß- und Fernhandel tätig waren: Dieses Beziehungsverhältnis war von Vorteil für Rohstoffbeschaffung, Produktion und Absatz. - Die Geschichte dieser tierischen Faser reicht in China bis ins dritte vorchristliche Jahrtausend zurück. Entlang der den asiatischen Kontinent durchquerenden Seidenstraße wurden Rohseide, Seidenfäden und ganze Seidenrollen in den Westen transportiert. Seit dem 5. Jahrhundert blühte die Seidenweberei im Nahen und Fernen Osten und gelangte mit den islamischen Eroberungen über Nordafrika nach Spanien und Italien. Seidenprodukte wurden aus Byzanz und dem Orient bis ins 13. Jahrhundert über die Alpen und entlang des Rheins nach Deutschland eingeführt. Erst im 14. Jahrhundert entstanden Seidenwebereien in Amsterdam, Genf, Köln und Lyon, die sich in Zünften organisierten.
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