
Unknown artist
Jan van Leiden: der König der Wiedertäufer in Münster. Mit würdevoll erhobenem Kopf, der von einem Barett bedeckt ist, steht er hinter einer Steinbrüstung und schaut sinnend in die Ferne. Faltenhemd, seidenes Obergewand und weite Schaube verleihen ihm genauso königliches Aussehen wie die Ketten um seinen Hals, der Schmuck an den Fingern und das Zepter, das er im linken Arm hält. Beim genaueren Hinschauen handelt es sich aber keineswegs um wirkliche Hoheits-Insignien. So sind um das Ende einer Kette sowohl vier Wiedertäufermünzen gebogen, als auch eine Jagdpfeife und eine Art Klappmesser befestigt. An einer weiteren Kette hängt das Wappen van Leidens, das sich am Griff des Zepters sowie am rechten oberen Bildrand wiederholt: ein Reichsapfel, der von zwei Schwertern durchbohrt wird. Es nimmt das Motiv der ZweiSchwerter-Tradition auf, wobei die Schwerter das gladius vindicte (Schwert der Rache) und das gladius spiritus (Schwert des Geistes) symbolisieren. Sie verweisen auf den weltlichen und geistlichen Auftrag des Königs. In der rechten Hand hält van Leiden eine Schriftrolle mit den Buchstaben D E I. Auf dem Originalstich von Aldegrever befinden sich dort dagegen als Verweis auf das Alphabet die Buchstaben D E F. Auch das Schriftband um das Wappen am rechten oberen Bildrand enthält eine ähnliche Buchstabenfolge. Vermutlich verweist sie auf das Vorrecht van Leidens, neugeborene Kinder mit Namen in der Reihenfolge des Alphabets zu benennen. Entweder hat sich Muller bei der Übernahme des Motivs geirrt, oder er veränderte die Reihenfolge absichtlich, damit sie das Wort DEI ergibt, was als Hinweis auf Jans gottgewolltes Königtum verstanden werden kann. - In Wirklichkeit war Jan van Leiden (um 1510–1536) kein König, sondern ein Handwerker aus Leiden, der als Schauspieler sein Geld verdiente. Schon in den Niederlanden war er Mitglied der Wiedertäufer, einer Nebenströmung der Reformation, die jede kirchliche und staatliche Ordnung ablehnte und an das Heil des Menschen durch die Erwachsenentaufe glaubte. 1534 folgte er dem Wiedertäufer Jan Mathys nach Münster, wo sich die Bewegung 1534/35 mit religiösem Fanatismus brutal eine Herrschaft errichtete. Nach Mathys Tod erhob sich van Leiden zum König und führte einen prunkvollen Hofstaat. Durch Verrat konnte Münster bereits 1535 zurückerobert werden. Van Leiden wurde 1536 grausam hingerichtet. - Jan Mullers Grafik entstand nach einem 1536 datierten spiegelverkehrten Kupferstich Heinrich Aldegrevers, dessen Monogramm am rechten Plattenrand eingraviert ist. Diesem Blatt ist eine Zeichnung Aldegrevers aus dem Jahre 1535 vorausgegangen, die er vermutlich anfertigte, als man van Leiden vor seiner Hinrichtung überall im Land zur Schau stellte. Der posthum entstandene Kupferstich erfuhr eine große Rezeption in Deutschland und den Niederlanden des 16. und 17. Jahrhunderts, was Zeugnis davon ablegen kann, wie sehr die Ereignisse in Münster in aller Munde waren. Während die Titelzeilen über dem ausgestellten Bildnis mit denen auf Aldegrevers Stich nahezu identisch sind, unterscheiden sich die Inschriften auf der Steinbrüstung voneinander. So heißt es bei Muller: „O Leyden, gedenke einem deiner Bürger; seht das Ungeheuer; wie er den Namen der eroberten Stadt trägt. Er war ein König, wie die Tragödie solche Könige vorzutäuschen pflegt, tatsächlich war er aber ein wirklicher König.“ Vermutlich spielen die Zeilen auf die Schauspieltätigkeit Jans und die theaterhafte Inszenierung seines selbsterwählten Königtums an.
Sign in to order prints, canvas, and more of this work. Browsing and full-resolution downloads stay free.