
Unknown artist
Der Kupferstich von Dirk Vellert enthält landschaftliche, architektonische und figürliche Bildelemente. Die Figuren bilden den Vordergrund: Sitzend Maria mit dem Kind auf dem Schoß in der linken Bildhälfte und rechts vor ihr kniend Bernhard mit gefalteten Händen und Abtstab. Der Bildmittelgrund besteht aus einer leicht monumentalen Zierarchitektur. Ein offener runder Torbogen gibt den Blick frei in eine Gartenanlage mit Gehöft, den Bildhintergrund. - Der Kirchenlehrer Bernhard (1091-1153) war als Mystiker dem Zisterzienserorden im Jahr 1112 beigetreten und an dessen Ausbreitung maßgeblich beteiligt. Er gründete u.a. das Kloster Clairvaux. Durch seine religiöse Betrachtungsweise wurde die mittelalterliche Christus-Mystik und Marienverehrung bestimmt. Seit dem 14. Jahrhundert wird der heilige Bernhard häufig gemeinsam mit Maria dargestellt. Zwei Formen sind dabei zu unterscheiden: Maria erscheint Bernhard mit belehrender Geste als „Doctrina“ oder als „Lactatio“, indem sie seine Lippen mit der Milch ihrer Brust benetzt. Dieser Vorgang wurde auch anderen Heiligen zugeschrieben, z.B. Augustinus, findet aber von Biographen keine Erwähnung. In Vellerts Fassung ist die vom Gewand unverhüllte Brust in Marias rechter Hand dem knienden Bernhard zugewandt; ein nährender Milchstrahl, der die Lippen von Bernhard benetzt, ist allerdings aus der zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeschlossenen Brust nicht zu erkennen. Hier wird die Inspiratio, die Übertragung der Heiligkeit von Maria auf Bernhard in Bezug auf Geist und Wort, veranschaulicht. Das nackte Kind auf Marias Schoß scheint den Vorgang zu beobachten. Unter der Sitzplatte Marias, vom Faltenwurf des Gewandes umrahmt, sind die Beine eines Schemels zu sehen, die aus zwei auf Hufe gestützter Köpfe gebildet sind. Solche scherzhaften Hocker, bei denen der Rumpf der Wesen fehlt, tauchen ebenfalls in Gemälden von Marten von Heemskerck auf oder auch an Chorgestühlen. - Diese figürliche Szene wird von einer reich mit Ornamenten und pflanzlichen und tierischen Motiven verzierten Architektur umrahmt. Die Initialen MAR verweisen auf „Maria“ und IHS, als Christusmonogramm, auf Jesus. Auffallend ist jedoch, dass sich beispielsweise der architektonische Stil des Turmes in der linken oberen Bildecke, zeitlich nicht einordnen lässt. Er könnte daher symbolisch als Hinweis auf einen Turm des himmlischen Jerusalems gedeutet werden und auf den Eintritt ins Himmelreich verweisen. Eine weitere symbolische Deutung, nämlich die der Jungfräulichkeit Mariens, erlaubt dann der eingeschlossene Garten auf der rechten Bildhälfte. Diese beiden Interpretationen liegen ebenfalls der Rolin-Madonna von Jan van Eyck zugrunde. - Neben diesen Verweisen auf das Himmelsreich sind aber auch Hinweise auf das reale, irdische Lebensumfeld enthalten. Bei dem Gehöft hinter dem Torbogen könnte es sich um Grangien handeln. Solche Grangien, bestehend aus Wirtschaftsgebäuden und Scheunen, sind typisch für den Zisterzienserorden und wurden häufig von den Ordensmitgliedern errichtet, um die Selbstversorgung zu ermöglichen und ihnen Einkommen und Unabhängigkeit zu sichern. - Typisch für Dirk Vellert ist die genaue Datierung seiner Kupferstiche und Holzschnitte mit Tag, Monat und Jahr des Entstehens. Dieser Stich des heiligen Bernard wurde nachweislich zweimal kopiert: In einem Glasfenster der Kirche von Conches nahe Evreux und in einem späteren Kupferstich bei dem lediglich die architektonische Anordnung der Gebäude, wenn auch seitenverkehrt, übernommen und die Szene der Vision des heiligen Bernhard durch eine Ecce-Homo-Darstellung ersetzt wurde. -
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