Der Bau der Arche Noah
Art Collection of the University Göttingen

Der Bau der Arche Noah

Unknown artist

CC0 — Public Domain
Art Collection of the University Göttingen

Vier Männer sind mit dem Bau eines Schiffes beschäftigt. Es ist schräg auf einen Fluss ausgerichtet und lagert auf quergelegten Baumstämmen. Links und rechts wird es von in den Boden gerammten Pfosten abgestützt. Obenauf ist eine Hauskonstruktion errichtet. Verschiedene Werkzeuge wie Winkel, Axt, Hammer und Zange liegen umher. Links im Vordergrund steht ein Kessel auf dem Feuer. Am Ufer liegen weitere Baumstämme zur Verarbeitung bereit. Floß und Ausflügler sind zu erkennen. Den Hintergrund kennzeichnet eine Berglandschaft mit Häusern und Burgen. Rechts liegt ein Gehöft mit Stallungen, in denen reges Treiben herrscht. - „Mache dir eine Arche...Statte sie mit Kammern aus und dichte sie innen und außen mit Pech ab!...Mach der Arche ein Dach...Richte ein unteres, ein zweites und ein drittes Stockwerk ein...Von allem, was lebt,...führe je zwei in die Arche, damit sie mit dir am Leben bleiben. ...“(Gen. 6, 14-19). Der Bibel zufolge wollte Gott, weil er die Schlechtigkeit der Menschen sah, sie wieder vernichten. Nur Noah und dessen Familie fanden Gnade vor seinen Augen und sollten, um sich und die Tierarten vor der Sintflut zu retten, ein Schiff bauen. - Diese biblische Szene des Archebaus ist hier vor einen Hintergrund gerückt, der sich als alltägliches Geschehen des 16. Jahrhunderts deuten lässt: Flößer arbeiten auf dem Fluss, Mägde in den Stallungen. Sie stellen Brot her und buttern. Herrschaftliche Reiter und Spaziergänger machen einen Ausflug. - Die Flößer scheinen nicht nur Staffage zu sein, sondern demonstrieren auch eine alte und noch bis heute gebräuchliche Transportmethode, um Baumstämme zur Weiterverarbeitung an ihren Bestimmungsort zu bringen. Auch die Lagerung des Schiffskeletts auf Baumstämmen zeigt eine realistische Situation. Beim Stapellauf werden Schiffe auch heute noch rollend zu Wasser gelassen. - Die Mägde sind gleichzeitig als weibliche Familienmitglieder Noahs zu deuten, die für die Reise den Proviant zusammenstellen. Die Bergkette im Hintergrund lässt sich möglicherweise als Hinweis auf das Gebirge Ararat lesen, auf dem die Arche bei Abnehmen des Wasserspiegels aufsetzte. - In Bezug auf Gottes Befehl wird der über dem Feuer hängende Kessel zur Erhitzung des Pechs gedacht sein. Der Pinsel wurde zum Verstreichen des Pechs genutzt, um Schiffe wasserdicht zu machen.1 - Sadeler zeigt in seinem Stich, dem zwölften aus einer vierzehnblättrigen Serie mit Szenen der Genesis, die dem Erzherzog Ferdinand von Österreich gewidmet ist, eine aus den Elementen Haus und Schiff zusammengesetzte Arche. Dies ist eine typische Darstellungsweise, wie sie etwa bis Mitte des 16. Jahrhunderts nördlich der Alpen dominierte - es war wichtig ein seetüchtiges Schiff abzubilden. Südlich der Alpen lag der Fokus eher auf den Personen, während das Schiff nur fragmentarisch oder in den Hintergrund gerückt abgebildet wurde und oft nicht seetauglich wirkte. - Seit dem Hochmittelalter hatten sich die scholastischen Spekulationen über das genaue Aussehen der Arche vermehrt- ihre Konstruktion nachzuvollziehen war wichtiger Argumentationsbestandteil, um zu beweisen, dass die Bibelüberlieferung wörtlich zu nehmen ist. Insbesondere der in der Bibel genannte dreigeschossige Aufbau war vielbeachtet. Nach Luthers Bibelübersetzung, die die Arche als Kasten definiert, wurde diese Darstellungsweise bei protestantischen Bibeln ab 1523 gewählt. Die Kastenkonstruktion war der Vorläufer für die immer stärker „wissenschaftlich“ angegangene Arche, bei der genaue Grundrisse angefertigt und die optimale Unterbringung der Tiere berücksichtigt wurden, wie zum Beispiel bei Jan Luyken im 17. Jahrhundert.2 - Die Anlehnung an zeitgenössische Schiffsbaupraxis zum einen und der Bezug zum Bibeltext zum anderen prägen Sadelers Kupferstich. Diese Mischung führt zu Widersprüchlichkeiten, denn die hier gezeigte Arche kann nicht einmal ansatzweise die Menge der zu rettenden Tiere aufnehmen. Auch braucht Noah keinen Stapellauf in Betracht zu ziehen, da laut Bibel Regen und Flut das Wasser auf der Erde ansteigen lassen (Gen.7, 10-12). Das steile Ufer wäre dazu im Übrigen auch gar nicht geeignet.

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