
Unknown artist
Das November- Blatt zeigt eine idyllische Szene in der Natur. Dominiert wird die Darstellung von zwei großen Eichen. Um sie herum ist eine kleine Schweineherde gerade dabei, sich genüßlich mit Eicheln vollzufressen. Die Tiere wühlen mit ihren Rüsseln im herabgefallenen Laub der Eichen. Zwei Schweine sind schon beim Verdauen und liegen faul am unteren Bildrand. Die Herde wird von vier Hirten beaufsichtigt. Zwei schlagen gerade mit einem Stock Eicheln vom Baum, während die beiden anderen Rast machen. Begleitet werden sie von drei Frauen und zwei Kindern, die ebenfalls ein Auge auf die Schweine haben. - Im Bildmittelgrund weidet rechts eine weitere Schweineherde, links werden Schweine geschlachtet. Im Hintergrund erstreckt sich der Ausblick in eine weite Landschaft mit mehreren Dörfern. - In diesem Blatt der Serie wird die Monatsarbeit für den November, das Mästen der Schweine im Wald, dargestellt. Diese Art der Schweinemast wurde schon im alten Ägypten praktiziert, erlangte aber gerade im Mittelalter in Europa eine zunehmende Bedeutung. In den Niederlanden ist die Schweinemast seit dem frühen Mittelalter durch Quellen belegt. - Die Mast im Wald begann am St. Remigiustag (1.Oktober). An diesem Tag wurden die herbstlichen Holzgerichte abgehalten. Man besichtigte die Wälder und schätzte den zu erwartenden Ertrag. Anschließend wurde die Zahl der Schweine festgelegt, die in den Wald getrieben werden durften. In Stundenbuchillustrationen kommt die Darstellung der Schweinemast sowohl für den Monat Oktober als auch für den November vor. Hierbei scheint es geographisch bedingte Unterschiede zu geben. In südlicheren Gebieten begann man mit der Mast im Oktober und in den nördlichen Gebieten im November. Wahrscheinlich waren die Eicheln im Süden schneller reif als im Norden. - In den Niederlanden trieb man die Schweine daher im November in die Wälder. Durch den Herbstwind wurden die reifen Eicheln herabgeweht, und die Schweine fraßen sich satt. Die Schweinehirten halfen jedoch auch nach, wenn nicht genug Eicheln am Boden lagen. Das sogenannte Eichelschwingen war weit verbreitet, führte aber zu Schäden an den Bäumen, außerdem wurden auch unreife Früchte abgeschlagen. Daher findet man beispielsweise in den Registern der Stadt Haarlem regelmäßig Bestimmungen, die das Beschädigen der Bäume durch Eichelschwingen unter Strafe stellen. Haarlem war kein Einzelfall, Vorschriften zur Instandhaltung des Waldes findet man in fast allen Mark- und Waldverordnungen. In den Wäldern in Brabant hingen bis ins 18. Jahrhundert hinein Schilder, die Waldfrevlern Staupstrafen, also öffentliche Prügelstrafen, androhten. - Um die Herden auseinander halten zu können, wurden die Tiere vor dem Eintrieb in den Wald gebrandmarkt, anschließend konnten sie frei herumlaufen. Da sich die Schweine frei bewegen konnten, kam es aber auch zu Schäden an den Feldern, die von den Schweinen gerne durchwühlt wurden. Um dies zu verhindern, wurden die Schweine entweder geringelt oder gejocht. Beim Ringeln wurde ein Draht oder Nagel durch den Rüssel gesteckt, sodaß das Schwein beim Wühlen Schmerzen erlitt. Das Jochen hinderte das Schwein durch ein Holzgestell am Hals daran, durch die Hecken auf die Felder zu gelangen. Die Herden wurden entweder jeden Tag neu in den Wald getrieben oder in einem Stall im Wald eingesperrt und von den Hirten bewacht. - Volkswirtschaftlich war die Schweinemast im Wald von großer Bedeutung, da die Früchte des Waldes, Eicheln, Bucheckern und Wildobst die Mästung ermöglichten und somit die Erzeugung von Fleisch und Fett sicherstellten. Die Bäume wurden daher jahrhundertelang in fruchtbare und unfruchtbare eingeteilt. Als fruchtbar galten all diejenigen, die für die Mast Früchte lieferten, insbesondere Buche und Eiche. Im Mittelalter wurden die Eichel- und die Buchenmast als „Schweinerechte“ oft urkundlich benannt. Ein Beispiel für die wirtschaftliche Bedeutung der Schweinemast im Wald ist die seit dem 8. Jahrhundert gängige Praxis, die Größe eines Waldes nicht in den üblichen Flächenmaßen, sondern durch die Zahl der von ihm ernährten Schweine anzugeben. - Die Bedeutung der Schweine für die Menschen läßt sich auch daran erkennen, daß es allein 61 katholische Schweineheilige gab. Diese waren zwar teilweise nur regional von Bedeutung, die Verehrung des Heiligen Antonius aber war weit verbreitet (vgl. Kat. 17). - Schweine waren die Hauptfleischlieferanten des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Daß das Fleisch der mit Eicheln gemästeten Schweine zudem schmackhafter als jegliches andere Fleisch war, belegen zahlreiche zeitgenössische Quellen.
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