
Unknown artist
Großer Tumult vor einem Wirtshaus. Acht Männer und drei Frauen sind in eine Prügelei verwickelt. Die einen mehr, die anderen weniger. Im Vordergrund liegt ein Mann hilflos auf dem Boden. Seine einzige verbliebene Waffe ist ein kurzer Stock in der linken Hand. Über ihm steht ein Mann mit erhobenem Schwert, den Fuß auf seinem Bauch. Zwei weitere Männer eilen ihm von links zu Hilfe, mit gezücktem Schwert wollen sie den Angreifer zurückhalten. Eine Frau versucht jedoch, einen der Beiden an seinem Vorhaben zu hindern, sie hält ihn von hinten umklammert. Das Gleiche wiederholt sich bei einer weiteren Gruppe im Hintergrund. Dort hindert wiederum eine Frau eine Mann daran, in das Geschehen einzugreifen, während ein weiterer Mann mit einer Leiter zu Hilfe eilt. Leitern wurden ebenso wie Stühle bei Schlägereien häufig als Rammböcke oder Verteidigungsmittel eingesetzt. Zwei weitere Männer sind vorne rechts in einen Kampf involviert. Der eine steht mit erhobener Hand und Messer über dem zu Boden gegangenen – bereit zum Stoß. So leicht gibt sich dieser jedoch nicht geschlagen, er greift mit der Hand mitten in dessen Gesicht. Neben diesen direkt in den Kampf einbezogenen Personen sehen wir zwei Zuschauer, die aus dem scheinbar sicheren Beobachterplatz, dem Wirtshausfenster, blicken. Am rechten Bildrand steht eine der Szene abgewandte Frau, sie hat die Arme hilflos erhoben. - Diese Schlägerei ist das zweite Blatt einer kleinen Serie, die das ländliche Leben zum Thema hat. Auf dem ersten Blatt sind tanzende Bauern zu sehen, auf dem dritten Blatt ist eine Bauernhochzeit dargestellt. Die Auswahl der dargestellten Szenen entspricht dem Interesse der Zeitgenossen an den Bauern und ihren Bräuchen. Die „Bauernhochzeit“ als Bildtypus tritt in den Niederlanden erstmals um die Mitte des 16. Jahrhunderts auf. In Anlehnung an die „Bauernfeste“ der deutschen Graphik und die Hochzeitsschwänke bot sich hier für den Künstler die Möglichkeit, das Verhalten der Festteilnehmer und die Bräuche des Mahls darzustellen. Im Gegensatz zu den friedlichen Szenen eines Hochzeitsmahles steht das Thema der Bauernschlägerei. Die ikonographische Tradition hierfür reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück. Die Darstellung eines gewalttätigen, gar lebensbedrohenden Streits aus nichtigem Anlaß wurde dazu genutzt, den Bauern als betrunkenen und verblendeten Narren abzuwerten und die Folgen der Trunkenheit vor Augen zu führen. Zudem sollten die Stadtbewohner davor gewarnt werden, an Veranstaltungen auf dem Land teilzunehmen. - Die Sicht der Zeitgenossen auf das ländliche Treiben spiegelt sich auch bei Gerbrand Adriaensz Bredero (1585-1618) wider. Dieser beschreibt in einem Gedicht den Ablauf eines Bauernfestes, bei dem sich die Bauern zunächst friedlich versammeln: sie beginnen zu trinken, singen, brüllen und tanzen. Ein Paar vergnügt sich im Heu. Dann kommt es plötzlich ohne erkennbaren Grund zu einer Schlägerei, bei der ein Mann getötet wird. - Die Bauern in Bols Stich sind mit Schwertern bewaffnet, obwohl das Waffenrecht den Bauern seit dem 12. Jahrhundert das Tragen einer solchen Waffe verwehrte. Dennoch scheint das Tragen von Schwertern schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts üblich gewesen zu sein. - Über dem Tumult vor dem Wirtshaus hängt eine Fahne, auf der unten links und rechts jeweils zwei gekreuzte Pfeile zu sehen. Dieses heraldische Motiv findet man auf den Fahnen der Schützengilden. Neben den gekreuzten Pfeilen konnte zudem noch einer der Schutzheiligen, der Heilige Christophorus oder Maria, dargestellt werden. In diesem Fall handelt es sich um eine Maria auf der Mondsichel. - Schon seit dem Mittelalter besaßen zahlreiche Städte Bürgerwehren, die an der Verteidigung der Stadt beteiligt waren. Vielerorts formierten sich Schützengilden, deren Mitglieder jedoch keine Berufssoldaten waren. -
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