Christus in der Vorhölle
Art Collection of the University Göttingen

Christus in der Vorhölle

Unknown artist

CC0 — Public Domain
Art Collection of the University Göttingen

Jesus Christus, dessen Haupt von einem rautenförmigen Heiligenschein umgeben ist, steht mit beiden Füßen fest auf Bauch und Brust einer Kreatur, welche durch ihr furchterregendes Aussehen, ihren gehörnten Kopf und die stachelig geflügelten Arme als ein teuflisches Wesen, vielleicht gar als Satan selbst, gekennzeichnet wird. Es liegt rücklings in einem Flammenmeer und wehrt das Kreuz mit der Osterfahne, das Christus ihm auf die Brust gesetzt hat, mit der linken Hand ab. - Christus, mit langem Haar und Bart dargestellt, trägt ein um die Hüfte geschlungenes Tuch und einen Umhang, welcher von einem quer über die Brust führenden Gurt gehalten wird. Er blickt zu Adam und Eva hinunter, die rücklings und scheinbar tot nebeneinander im rechten Vordergrund liegen. Zu Evas Linken winden sich zwei Schlangen, und zwischen ihren Brüsten steckt ein Pfeil. Auf Adam wird soeben von der Hand eines Skelettes, offensichtlich der Personifikation des Todes, ein knochiger Bogen gerichtet. Der Tod wird von einer Schlange mit dem nackten Oberkörper einer Frau begleitet, die in beiden Händen einen Apfel trägt. Mit ihrer Linken hält sie eine unversehrte Frucht empor, in ihrer Rechten liegt ein von Pfeilen durchbohrter Apfel. Christus hat seine linke Hand auf den Schädel des Todes gelegt. Der Hintergrund besteht aus einer Wand undurchdringlicher Rauchwolken. - In den Evangelien sind zwar Tod und Begräbnis Jesu Christi beschrieben, nicht aber sein Abstieg in das Totenreich. Dennoch sind verschiedene Bibelstellen, wie z. B. 1. Petrus 3,19 f., 1. Korinther 15,55 oder Apokalypse 1,18 auf die Höllenfahrt hin gedeutet worden. Nach christlicher Auffassung soll Christus nach seinem Ableben ins Totenreich gegangen sein, um die dort Gefangenen zu befreien und mit ihnen aufzuerstehen. - In die Darstellung der Höllenfahrt fließt oft auch das Thema des „Christus victor“ ein . Der Kupferstich Dittmers zeigt eben diesen „Christus victor“: Jesus mit der Osterfahne als Symbol für die Auferstehung ist siegreicher Bezwinger Satans und des Todes. - Die andere Bildhälfte illustriert das Thema der Sünde, wie es im dritten Kapitel des Buches Genesis im Alten Testament beschrieben ist. Dadurch, dass Adam und Eva den Apfel vom verbotenen Baum genommen haben, haben sie sich Gottes Gebot widersetzt und damit gesündigt. Eva, die durch die Schlangen gekennzeichnete Verführerin wird zuerst vom Bösen heimgesucht – der Pfeil in ihrer Brust soll dies deutlich machen. Adam ist der zweite Mensch, der der Sünde erliegt, auf ihn ist der nächste Schuß aus dem Bogen des Todes gerichtet. Des Todes schlangenartige Begleiterin führt mit den Äpfeln den Gegenstand des Vergehens vor Augen. In der Gruppierung der rechten Bildhäfte spiegelt sich der Moment wider, in welchem durch die Sünde das Böse in die Welt gebracht wurde. - Die Darstellung der Schlange als halbmenschliches Wesen läßt sich ebenfalls auf das dritte Kapitel Genesis zurückführen. Nachdem sie Eva zum Probieren der Früchte vom Baum der Erkenntnis verleitet hatte, verdammte Gott sie dazu, in Zukunft nur noch auf dem Bauch zu kriechen. Diese Textstelle führte zu dem Rückschluss, dass sie vorher Gliedmaßen gehabt haben müsse. In der Kunst sind daher immer wieder phantasievolle Abbildungen der „Urschlange“ zu finden, wie z. B. auf dem Wiener Diptychon von Hugo van der Goes. - Die Gesamtkomposition des Dittmerschen Stiches läßt sich als eine Darstellung des Heilsgeschehens deuten. Auf der rechten Seite ist die Entstehung des Bösen verbildlicht und links dessen Überwindung durch Christus. Diese Aussage wird durch die Bildunterschrift untermauert, welche Zitate aus Genesis und Matthäusevangelium wiedergibt.

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