
Unknown artist
Die Bilderzählung ist von rechts nach links zu lesen: Vor verdunkelter Landschaft greift ein kräftiger, bärtiger, gekrönter Mann sich Leib und Bein einer jungen Frau. Sie versucht, sich seinem begierigen Griff zu entziehen. Beide sind bis auf ihre Scham verhüllende Tücher nackt. Es handelt sich bei ihnen um den griechischen Gott Zeus, der in der Vergangenheit Mythologie Jupiter hieß, und um Io, Tochter des Königs von Argos und der Hera geweihte Priesterin. Zwischen den gespreizten Beinen des Zeus kauert sein Adler, der das Blitzbündel des Gottes in seinen Fängen hält. - Es ist dies die Wiedergabe einer der zahlreichen Liebesgeschichten des Göttervaters. In den aufgehellten Partien der linken Bildhälfte wird die Geschichte fortgesetzt. Um seine Liebschaft vor der eifersüchtigen Hera zu verbergen, verwandelte Zeus Io in eine weiße Kuh. Die sich aus dem Himmel in ihrem von einem Pfau gezogenen Wagen nähernde Hera durchschaut die Täuschung und erbittet von Zeus die Kuh. Soweit die auf diesem Blatt erzählte Geschichte, die auf dem in dieser Serie folgenden Kupferstich fortgesetzt wird: Hera läßt die zur Kuh verwandelte Io durch den hundertäugigen, alles sehenden Argos – daher „Argusaugen“ – vor den Zudringlichkeiten ihres Gatten bewachen. In dessen Auftrag schläfert Hermes den Argos durch Flötenspiel ein, tötet ihn, befreit Io, die schließlich durch Zeus in ihre menschliche Gestalt zurück verwandelt wird. - Das Blatt gehört zu einer Serie von insgesamt 52 Illustrationen zu Ovids Metamorphosen. Deren erste Folge, zu der auch Jupiter und Io zählen, wurde in Goltzius Werkstatt gestochen und erschien dem „HGoltzius“ signierten Titelblatt zufolge 1589. Die Gesamtausgabe war erst 1615 abgeschlossen. Sechs eigenhändige Vorzeichnungen sind erhalten. Nur in wenigen Fällen scheint Goltzius für Kompositionsschemata oder Einzelmotive auf ein Vorbild zurückgegriffen zu haben, nämlich die Illustrationsfolge der Metamorphosen durch Bernard Salomon. Bei der Mehrzahl seiner Blätter ist er ohne fremde Vorbilder ausgekommen. - Die Metamorphosen des Publius Ovidius Nasos (43 vor – 17 n. Chr.) waren vor allem im 16. und 17. Jahrhundert eine wesentliche Quelle für die Erfindung mythologischer Bilder. Vor allem jene Erzählungen, in denen durch Wandel der Gestalt Liebe erfüllt (Leda und der Schwan) oder Liebe verweigert wurde (Jupiter und Io), waren beliebt und erlaubten wie hier in literarischer Einkleidung die Wiedergabe sinnlich-erotischer Handgreiflichkeiten. - Eine wichtige, wenn auch späte Rolle in der Vermittlung des literarischen Stoffes spielte der in Haarlem ansässige Maler und Kunstschriftsteller Karel van Mander, der seinem 1604 erschienenen Schilderboek, einer Sammlung von Künstlerbiografien, eine Wtlegghingh (Auslegung) op den Metamorphosis Pub. Ovidij Nasonis beigegeben hat. Das war zwar fünfzehn Jahre nach Erscheinen der Stichserie, aber van Mander berichtet in seiner Autobiographie, er habe bald nach 1583 sich mit Cornelis Cornelisz. und Hendrick Goltzius „zu einer Art Akademie“ zusammengetan, „um nach dem lebenden Modell zu studieren“. Auch habe er die beiden in der „italienischen Manier“ unterrichtet, „wie es aus dem Ovidius von Goltzius leicht zu ersehen ist.“ Vermutlich hat Carel van Mander im Rahmen dieser Zusammenarbeit Ideen beigetragen. -
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