Badebordell
Art Collection of the University Göttingen

Badebordell

Unknown artist

CC0 — Public Domain
Art Collection of the University Göttingen

In einer kühl wirkenden Räumlichkeit haben sich mehrere Paare zusammengefunden, um ein Bad zu nehmen. Im Bildvordergrund warten Waschschüssel, Schwamm und Kanne darauf, benutzt zu werden. Aber offensichtlich haben die Frauen und Männern nicht die Absicht, sich der Körperpflege zu widmen. Viel mehr scheinen sie daran interessiert zu sein, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen: in der Bildmitte hält sich ein Paar umschlungen, auf dem Wannenrand liebkosen sich ein Mann und eine Frau, während sie eine andere umfaßt, am Brunnen stellt ein Mann einer Frau nach und im Bildhintergrund vergnügen sich Zwei in einem Bett. Eine eindeutige Badeszene ist hier nicht dargestellt. Lediglich die Frau in der Bildmitte versucht aus einer Kanne Wasser auf die Beine des liegenden Mannes zu gießen. Aber selbst das gelingt nicht, denn das Wasser trifft nicht ihn, sondern fließt auf den Fußboden. Die Wanne scheint nicht mit Wasser gefüllt zu sein und auch der Brunnen mit der antiken weiblichen Figur wird nicht zum Baden in Anspruch genommen. Bei den Frauen handelt es sich vermutlich um Badedienerinnen, die den Besuchern bei der Reinigung ihrer Körper behilflich sein sollten. Viele zeitgenössische Stiche zeigen, wie sie einen Mann mit Wasser begießen und seinen Körper mit Schwämmen abreiben, während er genüßlich in der Waschschüssel sitzt. Die Frauen auf dem ausgestellten Blatt gehen aber augenscheinlich einer anderen Tätigkeit nach: Sie prostituieren sich. Schon seit Beginn der Badekultur waren Badehäuser gleichzeitig auch Orte der Prostitution, wodurch sie – geschürt durch die Kirche – in Kritik gerieten. Infolgedessen war es in einigen Städten den Freudenmädchen verboten, Bäder zu betreten. Letztlich kamen dadurch die Bademägde in den Verruf, mehr der Liebe als der Reinlichkeit zu dienen. Dieser Verdacht scheint für die Frauen auf dem ausgestellten Blatt zuzutreffen. Man bezeichnete sie daher häufig als „Rüberin“ (Reiberin) oder „Kneterin“ (Masseuse), was damals als Schimpfwort gemeint war. Es verwundert, daß die Szene weder einen Barbier, noch einen Schöpfer zeigt, denn beide gehörten zur festen Mitarbeiterschaft eines öffentlichen Bades. Vielleicht stellt das Blatt gar keine Badestube dar, sondern ein Badebordell, in das man nicht ging, um sich Bart und Haare schneiden zu lassen. - Badebordells hatten eine wichtige soziale Bedeutung für die Emanzipation beider Geschlechter. Denn sie stellten einen Raum dar, in dem der Zwang der Kirche seine Funktion zu verlieren schien. Hier konnten Menschen sich hemmungslos ihren irdischen Freuden hingeben, Ehebruch begehen, ihren voyeuristischen Ambitionen nachkommen und die Angst vor dem Fegefeuer vergessen. - Als das Blatt entstand, hatte sich die Situation allerdings schon lange geändert. Viele Badehäuser hatten inzwischen ihre Türen geschlossen. Dafür mag es mehrere Gründe gegeben haben: zum einen hatten die Städter große Angst, sich mit Syphilis anzustecken, die man als Folge des sittenlosen Treibens in den Bädern betrachtete. Zum anderen belegen zeitgenössische Quellen ein gewandeltes Scham- und Anstandsgefühl des Bürgers, das ein Nebeneinander von nackten Männern und Frauen nicht mehr dulden konnte. Die Bordellszene ist demnach wohl eher moralisierend zu verstehen, statt als Abbild gängiger Praxis. Letztendlich bot die Thematik dem Künstler auch Gelegenheit, sich an der Darstellung menschlicher Körper zu üben. -

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