Die Heilige Familie mit der Münchener St. Michaelskirche
Art Collection of the University Göttingen

Die Heilige Familie mit der Münchener St. Michaelskirche

Unknown artist

CC0 — Public Domain
Art Collection of the University Göttingen

In Sadelers Kupferstich sind zwei verschiedene Themen miteinander vereint. Die linke Bildhälfte zeigt einen nach rechts geöffneten Raum, in welchem Maria sitzt und das Christuskind auf ihrem Schoß hält. Die Gesichter der beiden sind einander zugewandt. Das Kinderbett umgebende Engel bringen eine Obstschale und einen an einer Schnur festgebundenen Singvogel dar, welcher Christus als Spielzeug dienen soll. Ein weiteres Kind ist zugegen, ein Lamm im Arm haltend. Links neben Maria steht ein Tisch, der mit Wein und Brotkorb gedeckt auf die Eucharestie hinweist. In der rechten Bildhälfte befindet sich, nach hinten gerückt, eine Kirche mit sich anschließendem Kolleg. Engel sind damit beschäftigt Baumaterial herbeizuschaffen und an dem unvollendeten Turm zu arbeiten. Im Vordergrund vor der Kirche zimmert Joseph Bretter für deren Bau. - Zwei der Engel aus der Marienszene sitzen schon zur Hälfte im Vordergrund der Kirche und schaffen so einen Übergang zur anderen Bildhälfte. Über allem schwebt eine mit lesenden Engeln besetzte Wolke. Die Ballung dieser Figuren konzentriert sich allerdings auf eine Stelle über der Madonnendarstellung. Dadurch und durch die Blickführung der umgebenden Engel wird diese Szene hervorgehoben. - Der Stich lehnt offenbar an das Thema der Heiligen Familie an. Üblich dafür ist die Darstellung bzw. der Verweis auf Tätigkeiten der Eltern . Joseph zimmert und hinter Maria steht die Spindel bereit. Typisch für das 16. Jahrhundert ist die Hervorhebung der Komposition von Maria und Kind, während Joseph eher eine Nebenrolle einnimmt und verbindend zwischen Familie und Bau fungiert. Das Lamm, Attribut Johannes des Täufers, der hier im Kindesalter gezeigt ist, kann auch als Hinweis auf Christi Schicksal verstanden werden- nämlich auf den dessen Opfertod. - Bei der in der rechten Bildhälfte dargestellten Kirche handelt es sich um die Münchener Jesuitenkirche St. Michael, die in der Zeit von 1583 bis 1597 erbaut wurde. Gezeigt wird ihr Zustand während des Turmbaus - also zu einem Zeitpunkt vor 1590, da in jenem Jahr der Turm noch vor der Kirchweihe einstürzte und in dieser Form nicht wieder errichtet wurde . - Gestiftet wurde St. Michael von Herzog Wilhelm V. zur Demonstration seiner Macht und als eine Art Denkmal für seine Person. Die Unterstützung, die er damit auch dem Jesuitenorden zukommen ließ, sollte zugleich seine gegenreformatorische Überzeugung zum Ausdruck bringen . Es liegt also nahe, dass der bayrische Herzog auch Auftraggeber des Kupferstichs war. Sowohl Sustris, der mit dem Kirchenbau beauftragte Architekt , als auch Sadeler, der 1589 bis ca. 1593 in Diensten des Herzogs stand , sind als Urheber auf dem Blatt genannt. Vor allem aber ist es, wie es der dreizeiligen Unterschrift zu entnehmen ist, besagtem Herzog von Bayern gewidmet. Die Figur eines größeren Engels vor der Kirche läßt sich anhand des Stabes in seinen Händen, der offensichtlichen Befehlsgewalt über die anderen Engel und der Bestimmung der Kirche als Erzengel Michael identifizieren. - In der bildlichen Zusammenführung von Jesuitenkirche und Heiliger Familie sind klare Züge gegenreformatorischer Propaganda zu finden. Die Darstellung St. Michaels, die an sich schon diese Intention verdeutlichen würde, wird zudem noch durch die Heilige Familie ergänzt, die sich sogar, gemeinsam mit den Engeln, am Aufbau des Gotteshauses beteiligt und so dessen Bedeutung unterstreicht. Architektur und Bildkunst - hier also die Abbildung der Kirche in verdeutlichendem Zusammenhang - werden für die Zwecke der „ propaganda fidei“ genutzt. - DM - -

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