Die heilige Anna Selbdritt
Art Collection of the University Göttingen

Die heilige Anna Selbdritt

Unknown artist

CC0 — Public Domain
Art Collection of the University Göttingen

Maria sitzt mit dem Jesuskind auf einem breiten Thron. Rechts daneben sitzt ihre Mutter, die heilige Anna. Sie hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, worauf die alttestamentliche Prophezeiung über die Geburt des „Friedefürsten“ aus Jes 9,5 zu lesen ist. Dieses Buch, das ein Zitat aus dem Alten Testament enthält, ist ihr typisches Attribut. - Auf dem Sockel des Throns ist ein weiteres Bibelzitat zu lesen. Es handelt sich dabei um das Jesuswort aus Lk 8,21: „Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.“ Rechts neben dem Thron ist das Innere einer gotischen Kirche zu sehen, während links der Blick auf eine Häusergruppe frei wird, vor der Josef als Zimmermann arbeitet. - Das Motiv der Anna Selbdritt hat seine traditionellen Wurzeln im 13. Jahrhundert. In älteren Darstellungen wird Maria wesentlich kleiner gezeigt als Anna. Diese Darstellungsweise wurde durch den Bildtypus der sogenannten „juxtaponierend gedoppelten Nikopoia“, wie sie hier bei Sadeler vorliegt, abgelöst. Dabei werden sowohl Mutter als auch Tochter (gedoppelte Nikopoia) mit dem Jesuskind in realistischer Größenrelation zueinander (juxtaponierend) gezeigt. - Über dem Baldachin des Throns musizieren sieben Puttenengel in einem Wolkenkranz. Fünf aus dieser Gruppe halten ein zum Betrachter hin geöffnetes Notenbuch. Davor spielt ein Engel eine Viola da braccio, ein anderer ein Naturhorn, einen sogenannten „krummen Zink“. - Sadeler lieferte mit diesem Stich vermutlich die erste einer Reihe von Bildmotetten, bei denen Notenschrift derart ausführlich in das Bildmotiv mit einbezogen wurde. Zuvor war es üblich, musikalische Elemente, wie Notenschrift oder Musikinstrumente, als Verweis oder Zitat zu nutzen. So sind z.B. auf dem Genter Altar der Brüder van Eyck zwei Gruppen musizierender Engel zu sehen, die mit Instrumenten und Notenbüchern ausgestattet sind. Die Noten bleiben dem Betrachter allerdings verborgen. Auch Hieronymus Bosch zeigt auf der Höllentafel des „Garten der Lüste“ eine Reihe von Instrumenten und ein aufgeschlagenes Buch mit Noten. - Beim vorliegenden Stich ist demgegenüber eine komplette Komposition zu sehen. Die Motette stammt von Cornelis Verdonck und nimmt Zeilen des „Ave Maria“ auf. Sie ist nur auf diesem Stich überliefert. Verdonck arbeitete lange Zeit in Antwerpen, das durchaus als musikalisches Zentrum des 16. Jahrhunderts bezeichnet werden kann. Dabei kann es zu einer Kooperation mit Maarten de Vos oder Sadeler selbst gekommen sein. Sadeler schuf mit diesem Stich nicht nur die erste Bildmotette, sondern führte wahrscheinlich damit den Notenstich ein. Zahlreiche Komponisten nutzten diese Form der Veröffentlichung ihrer Werke. So ist z.B. auch eine Motette Orlando di Lassos in dem Stich „David und die himmlische Liturgie“ überliefert, den Sadeler nach einer Vorlage von Pieter de Witte 1590 in München anfertigte. Mit diesem und anderen Stichen brachte Sadeler die Bildmotette auch nach Deutschland. -

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