
Unknown artist
Das Schlußblatt einer Serie von sechs Kupferstichen, die die Lebensalter des Mannes vom Kleinkind bis zum Sterbenden zeigen: Der Tod hat das Haus des Greises betreten. Die Säule links sowie der kostbare Pelzmantel verweisen auf den vergänglichen Wohlstand des hinfälligen Alten. Der sitzt zwar nach rechts gewandt, dem Tod entgegen; sein Blick jedoch richtet sich nach links, so, als wolle er durch Wegschauen der Wirklichkeit entgehen. Sein linker Arm ist mit geöffneter Hand abwehrend gegen die Sanduhr gewandt, die Rechte hält hoch erhoben ein Schriftband: „Humanae miserie egressio“ (Des menschlichen Lebens Ausgang). Alle Gegenwehr wird ihm nicht helfen - die Lebensuhr ist abgelaufen und der Tod im Begriff, den Alten zu erwürgen. Rechts öffnet sich eine duftige Landschaft, deren höchsten Punkt eine Kirche bildet. - Die von Crispijn de Passe entworfene und 1599 in Köln verlegte Serie gehört zu dem außerordentlich beliebten Themenkreis der Lebensalter. Anders als etwa bei den Darstellungen der Vier Jahreszeiten oder der Fünf Sinne war die Anzahl der Lebensalter nicht festgelegt. Von de Passe selbst gibt es zwei weitere Folgen mit zehn beziehungsweise vier Kupferstichen (H. 478-87, 488-91). Wohl aber waren die Übergänge zwischen allegorischen Vorstellungen dieser Art fließend, und so können etwa in einem Familienbildnis Jan Miense Molenaers die Porträtierten sowohl die Lebensalter als auch die Sinne verkörpern. Gerade die zyklischen Abläufe des Jahres – Werden und Vergehen – wurden gern miteinander in Verbindung gesetzt. Kindheit und Jugend, Reife und Alter entsprechen den Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Wenn der Greis bei de Passe ebenso wie die Personifikation des Winters auf einem Stich nach Heemskerck einen wärmenden Pelzmantel trägt, dann ist an diese letztlich auf Ovids Metamorphosen (XV, 199-213) zurückgehende Tradition zu denken, zumal der Winter mit folgenden Worten beschrieben ist: „Eines erschöpften Greises Erscheinung spiegelst du vor, kalter Winter. Der struppige Bart starrt; eine Fellmütze bedeckt die Schläfen, den Körper ein doppelter Mantel und die Füße hohe Schuhe; die blutleeren Hände wärmt ein Öfchen, zuckend in seinem Feuerschein“. - Andererseits mag de Passe in realistischem Sinne auf physiologische Befindlichkeiten angespielt haben. Denn in hohem Alter steigt das Wärmedürfnis. Vor allem niederländische Künstler haben vielfach alte Frauen und Männer dargestellt, die sich an offenem Feuer, an Kerzen oder Holzkohleglut wärmen. Auch ein weiteres Motiv verweist in seiner ersten Bedeutungsschicht auf ein schmerzhaftes Gebrechen: Der auf einem Schemel oder einer flachen Bank gelagerte Fuß ist ein Zeichen der Gicht, wie es sich etwa auch auf Simon Floquets um 1620 entstandenem Gemälde mit dem Reichen und dem Tod findet. - Auch im 16. Jahrhundert war Gicht eine durch übermäßiges Essen und Trinken hervorgerufene Wohlstandskrankheit. Das fünfte Blatt der Serie zeigt den als „Senectus“ bezeichneten Alten denn auch beim Wühlen in seiner Schatztruhe. Vor ihm auf dem Boden steht als Zeichen seiner Unmäßigkeit eine Platte mit reichlich gebratenem Gefügel und ein wohlgefüllter Korb mit Obst. Aber nicht nur das „Zipperlein“, das Alter überhaupt wurde seit der Antike als Krankheit, als Zeit des Leidens empfunden, die der Tod beendet. In den Bildkünsten sind es wie hier die Reichen und Habgierigen, die sich an vergänglichen Besitz klammern und sich gegen den Tod wehren, während die Armen ihn als Erlöser aus ihrem Leid willkommen heißen. -
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