
Unknown artist
Ein unbekleideter Knabe sitzt auf einem Felsblock. Er hat das linke Bein angewinkelt und den Fuß mit nach oben gewendeter Sohle auf das rechte Knie gelegt. Mit der linken Hand hält er den Fuß, mit der rechten versucht er, einen Dorn aus der Sohle zu ziehen. Der Oberkörper des Knaben ist leicht zu seiner rechten Seite vornüber gebeugt, der Kopf schräg nach rechts geneigt, mit konzentriertem Blick auf seine Fußsohle. Der runde, profilierte Sockel unter dem Knaben zeigt an, daß es sich um eine Skulptur handelt: den Dornauszieher aus den kapitolinischen Museen in Rom. Der Blick auf die Skulptur ist schräg von unten her vor einem neutralen, waagerecht schraffierten Hintergrund gegeben. Besonders deutlich wird dies durch die Untersicht auf die Sohle des rechten Fußes, die der Figur eine unstatisch manierierte Haltung gibt. Der Fuß der Statue im Konservatorenpalast zu Rom hingegen liegt fest auf dem Boden auf. - Die Bronzestatue aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. ist die eklektische Wiederholung einer Skulptur aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., die in einer römischen Marmorkopie, dem Dornauszieher Castellani im British Museum London, erhalten ist. Dem hellenistischen Vorbild ist der Kopf einer klassischen Knabenstatue des 5. Jahrhunderts. v. Chr. angefügt. Das Motiv des Dornausziehers hatte schon in der Antike eine große Nachfolge in zahlreichen Variationen. Die kapitolinische Skulptur stand vermutlich auf einer Säule im Freien beim Lateran in Rom und kam 1471 als Geschenk Sixtus IV. in den Konservatorenpalast auf dem Kapitol. Sie ist eines der wenigen antiken Bildwerke, das nie unter der Erde lag und immer sichtbar war. - Die erste ausführliche Beschreibung der Skulptur im frühen Mittelalter ist von Magister Gregorius in seinem Werk "De mirabilis urbis Romae" überliefert, das zwischen 1165 und 1167 entstand. Gregorius berichtet, daß die Statue als Bild des Priap galt, des Gottes der Fruchtbarkeit. In der mittelalterlichen Kunst taucht das Motiv des Dornausziehers vielfach in verschiedenartigen Abwandlungen auf, auch in weiblichen Varianten und als Affe. Der Dorn im Fuß galt im Mittelalter als Sinnbild der Erbsünde, der Dornauszieher stand symbolisch für Sündhaftigkeit, Torheit, Luxuria und Heidentum. Mittelalterliche Darstellungen des Dornausziehers finden sich in Monatsbildern für den März als Symbol der beginnenden Fruchtbarkeit und als heidnisches Götzenbild, das zerstört wird. Auf dem Grabmal des Erzbischofs Friedrich von Wettin (gest. 1152) in Magdeburg wird ein Dornauszieher, das "heidnische Idol par exellence" , von der Spitze des Bischofsstabes durchbohrt, Sinnbild für den Triumph des Christentums über die heidnische Fleischlichkeit. (Vgl. Kat.-Nr.*) - In der Renaissance erwachte die Bewunderung für die Skulptur wegen ihrer formalen Qualitäten jenseits christlicher Interpretation neu. Mit der Räumlichkeit ihrer Darstellung und der Vielfalt der Ansichten bot sie zahlreiche Möglichkeit der bildlichen Wiedergabe und der Variation. Sie wurde für Künstler der frühen Renaissance zu einem bedeutenden Studienobjekt, ihre Beliebtheit gelangte in Oberitalien im 16. Jahrhundert zu einem Höhepunkt. Nördlich der Alpen wurde die Statue vor allem durch Zeichnungen bekannt und fand weite Verbreitung in der bildnerischen Nachfolge. "Der Dornauszieher beiderlei Geschlechts gehörte zum Repertoire jedes nordischen Künstlers, dem die Antike und Italien zugänglich waren." Vorbild für den Kupferstich von Cornelis Cort war ein Gemälde des flämischen Monogrammisten ED. Die Datierung "153" ist unvollständig, das Bild entstand wahrscheinlich 1537. Das Gemälde, das sich heute in einer Privatsammlung in Gudhammer, Schweden, befindet, wurde als Kupferstich in zahlreichen Guide di Roma verwendet. -
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