Christus und die Ehebrecherin
Art Collection of the University Göttingen

Christus und die Ehebrecherin

Unknown artist

CC0 — Public Domain
Art Collection of the University Göttingen

Nach dem Rücktritt Karls V. erbt sein Sohn Philipp nicht nur die Kronen in Spanien, sondern auch eine Reihe von Titeln wie Herzog von Brabant, Graf von Flandern und Graf von Holland, die ihn zum Landesherren der Niederlande machen. Mehr noch als sein Vater beantwortet Philipp das Aufkommen neuer religiösen Gruppen, insbesondere der reformierten - Protestanten, mit einer harten Verfolgungspolitik. - Während der 1560er Jahre, als - die religiösen und politischen Streitigkeiten - beginnen, das Leben in den Niederlanden zu - dominieren, malt Pieter Bruegel eine Reihe - von Bildern, in denen er biblische, insbesondere - neutestamentliche Geschichten in flämische - Landschaften versetzt. Ein typisches Beispiel - ist der ›Kindermord von Bethlehem‹, siehe - S. 65 f., den Bruegel 1566 erstmals in einer verschneiten - flämischen Winterlandschaft situiert. - Das Bild stellt die Brutalität der Soldaten, - der Kindermörder, dem Leben der Bürgerinnen - und Bürger gegenüber, die versuchen ihre - Kinder zu beschützen. Die politische Relevanz - dieses farbreichen und bunten Gemäldes ist - brisant und vielschichtig. Der Erfolg, enorm. - ›Der Kindermord von Bethlehem‹ wird von an - deren Künstlern oft kopiert. Eine solche Variation - befindet sich auch in der Göttinger - Kunstsammlung. - Ganz anders, in schlichter grisaille, malt - Bruegel 1565 die Geschichte aus dem Evangelium - von Johannes (8:3–9), wonach Jesus - durch die Schriftgelehrten und Pharisäer - herausgefordert wird eine Ehebrecherin - zu verurteilen. Sie weisen Jesus darauf hin, - dass nach dem Gesetz, das auf Moses zurückgeht, - die Frau gesteinigt werden sollte. - Jesus, so zeigt Bruegel, geht auf seine Knie - und schreibt im Sand einen Satz, der mit den - Worten beginnt ›Wer ohne Sünde ist, der‹. An - diesem Punkt treffen wir Jesus. Die Schriftgelehrten - und Pharisäer schauen und warten - mit steigender Spannung und Verwunderung. - Auch die Ehebrecherin schaut zu. Wie - das Evangelium erzählt, wird er seinen Satz - mit den Worten ›der werfe den ersten Stein‹ - vervollständigen. Im historischen Kontext - des Jahres 1565 ruft Bruegel offensichtlich - zu Zurückhaltung, Besonnenheit und Toleranz - auf. Jesus gibt hier das Exempel der Demut. - So distanziert sich der Künstler eindeutig - von der harten Verfolgungspolitik der Regierung, - ohne sich allerdings direkt mit den neuen - protestantischen Gruppen zu identifizieren. - Bruegel bleibt offiziell ein Katholik und wird - katholisch begraben. Das Gemälde artikuliert - die Gefühle vieler, die sich zwischen aufstrebenden - Reformierten und verfolgenden Katholiken - wiederfinden und von allen Parteien - Demut, Besonnenheit und Toleranz verlangen. - Nach Bruegels Tod im Jahr 1569 bleibt das - Gemälde bei der Familie. 1579 setzt Pieter - Perret - das Gemälde in einen Stich um, der - das Bild bis ins kleinste Detail treu bleibt. Allerdings - gelingt es dem Stecher nicht, die Eleganz - und Sanftheit des ursprünglichen Gemäldes - zu erhalten. Das Bild ist 1579 noch immer - höchst aktuell. In diesem Jahr legen die aufständischen - Provinzen mit der Union von - Utrecht - die Gewissensfreiheit rechtlich fest. - Artikel 13 der Union erklärt‚ dass jeder einzelne - in seiner Religion frei sein soll und verordnet - weiter‚ dass niemand der Religion willen - verhaftet oder geprüft werden darf. Damit - wird ein wichtiges Verfassungsprinzip der späteren - niederländischen Republik formuliert.

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