Frauen beim Spinnen
Art Collection of the University Göttingen

Frauen beim Spinnen

Unknown artist

CC0 — Public Domain
Art Collection of the University Göttingen

Coornhert zeigt in diesem ersten Blatt seiner Serie über die tugendhafte Frau den Blick in einen Innenraum. Dort sind acht Frauen versammelt, die die unterschiedlichen Arbeitsschritte bzw. -techniken einer Spinnerei ausführen. Im Zentrum sitzt die Hausherrin. Sie verarbeitet die Rohwolle mit Hilfe einer Spindel zu einem Faden. Die Frau zu ihrer Rechten geht derselben Arbeit nach, sie verwendet jedoch ein Spinnrad, das von Hand betrieben wird. Zu ihrer Linken sind im Bildmittelgrund zwei Frauen zu sehen. Eine von ihnen bereitet die Rohwolle mit einem Kamm für das Spinnen vor, die andere wickelt das Garn auf eine Haspel. In der vorderen rechten Bildecke ist schließlich eine Frau beim Vernähen des Garns dargestellt. Im Hintergrund sitzt links eine weitere Frau, die ebenfalls eine volle Spindel auf eine Haspel abwickelt. An der Rückwand des Raums befindet sich das Lager der Rohwolle. Die Tatsache, daß sowohl das Spinnen mit der Handspindel als auch mit dem Handspinnrad dargestellt sind, weist darauf hin, daß die Erzeugnisse am Webstuhl weiterverarbeitet werden sollten. Mit der Handspindel ließ sich festeres Garn erzielen, das für die Kettfäden des Webstuhls verwandt werden konnte. Das Garn des Spinnrades hingegen konnte nur als Schußgarn eingesetzt werden. Der Vorteil des Spinnrads war jedoch die deutlich schnellere Arbeitsweise. - Das Blatt richtet sich mit zwei Inschriften an den Betrachter. In der Tafel zu Füßen der Hausfrau ist zu lesen, daß die tüchtige Frau mehr Wert sei als Perlen, ihr Mann vertraue auf sie und sie trage dem Rechnung, indem sie ihn ihr Leben lang unterstütze. Hierbei handelt es sich um den Beginn des Lobliedes auf die tüchtige Frau aus dem biblischen Buch der Sprüche (Spr 31, 10-12). Diese Zeilen sind als Titel für die gesamte Serie zu sehen. Sie zeigt sechs tugendhafte Tätigkeiten der Frau: das Spinnen, das Verkaufen der Ware (Kat. 70), das Versorgen der Kinder und Angestellten mit Nahrung und warmer Kleidung, das Kaufen eines Feldes. Außerdem spende sie den Armen und sei ihrem Mann eine Krone. Neben dem Titel für die gesamte Serie ist jedes einzelne Blatt am unteren Rand mit weiteren Versen aus dem Loblied versehen. In Bezug auf die Frau beim Spinnen ist hier erläutert, daß sie mit emsigen Händen für Wolle und Flachs sorge und diese mit der Spindel verarbeite (Spr 31, 13; 19). - Die Textil- und Bekleidungsherstellung war seit dem frühen Mittelalter eine typische Frauenarbeit, bei der der gesamte Produktionsprozeß von der Gewinnung der Rohstoffe bis zum fertigen Kleidungsstück in der Hand der Frau lag. Im 15. und 16. Jahrhundert wuchs jedoch der Einfluß der Zünfte. Dies führte schließlich zu einer Einschränkung der weiblichen Erwerbstätigkeit. In der Textilproduktion wurden Frauen nun vor allem für Hilfstätigkeiten und Vorarbeiten eingesetzt. Auch wenn sich die Möglichkeiten der selbständigen Erwerbstätigkeit für Frauen immer weiter verschlechterten, verringerte sich jedoch der Anteil der Frauenarbeit nicht. - Die Mitarbeit der Ehefrau war schon im Mittelalter für die Existenzsicherung der Familie erforderlich. Auf dem Land gehörten zu ihren Aufgaben nicht nur die Bereitstellung der Nahrung für die Familie (Backen, Brauen, Anbau von Gemüse), die Versorgung des Viehs und die Milchwirtschaft, sondern auch die Herstellung von Textilien. Den Überschuß gab sie an den Grundherren ab oder verkaufte ihn auf dem Markt. Auch in der Stadt arbeitete die Frau an der Seite ihres Mannes, oft übernahm sie die Buchhaltung und war für den Verkauf der Waren zuständig (Kat. 70). - Die Textilproduktion in den Niederlanden bestand im 16. Jahrhundert aus der Verarbeitung von zum Großteil aus England importierter Wolle zu Wollgewebe. Dabei spielte die hausindustrielle Produktion eine wichtige Rolle. In England hatte man sich auf die Schafzucht spezialisiert und fand in den leicht erreichbaren Niederlanden einen Handelspartner. In der Folge wuchs die Dominanz des englischen und niederländischen Wollgewebes. Insbesondere die hier entwickelte Zeugweberei (ein leichtes Wollgewebe, das aus Kammgarnen hergestellt wurde und billiger war als Tuch) machte der deutschen Tuchproduktion Konkurrenz. Ein weiterer Faktor für die Vormachtstellung der niederländischen und englischen Wollgewebe war die zunehmende Beliebtheit leichterer Stoffe wie Zeug oder Barchent (Flanell). -

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