
Unknown artist
Das Skizzenbuch im Sedezformat besitzt einen angebundenen Pergamenteinband mit Lasche und Verschlussband. Das Vorsatzpapier ist blau eingefärbt und in den Innendeckel eingeklebt mit fliegendem Blatt. Auf dem Einband ist nachträglich ein Etikett aus Papier mit einer handschriftlichen - – vermutlich eigenhändigen – Datierung „1831“ in Bleistift aufgebracht worden. Das Buch besteht aus 44 Blatt, die jeweils in der äußeren oberen Ecke mit Bleistift in arabischen Ziffern von 1 bis 44 nummeriert sind. Diese Nummerierung stammt nicht von Bendemann, sondern ist nachträglich vorgenommen worden. Bei den fehlenden Einzelblättern 12, 19 und 38 - wurde die Nummerierung ausgesetzt, leider wurde dies bei den 10 fehlenden Blatt nach 39v nicht konsequent weitergeführt. Im folgenden wird die vorhandene Zählung weiterbenutzt, um Verwechslungen zu vermeiden. Das sogenannte Skizzenbuch Italien entstand nicht ausschließlich in Italien. Die erste Seite ist - bezeichnet mit „Florenz 20. Ag. / 1831“, so dass man annehmen kann, dass Bendemann es am 20. August in Florenz begann. Bis zum Juli 1831 hatte er ein anderes Skizzenbuch in Gebrauch, welches sich heute in der Akademie der Künste in Berlin befindet (Ischia, Capri, Rom, Albaner Berge). Das Göttinger Buch ist in drei Lagen gebunden: Auf der vorderen und auf der hinteren Lage befinden sich Zeichnungen und Notizen vor allem aus Italien, auf der mittleren Lage finden sich - v.a. Zeichnungen aus dem Harz und aus der Gegend um Oberwesel. Geht man davon aus, dass Bendemann das Skizzenbuch in dieser Bindung von Anfang an benutzte, kann man annehmen, dass er dieses in Italien von Vorder- und Rückseite gleichzeitig begann. Der vordere Teil enthält - ortspezifische Zeichnungen, der hintere eine Reisebeschreibung und vor allem Kompositions- sowie - Ideenskizzen. Zurück in Deutschland hat er es zur Mitte hin weiterverwendet. Durch die nicht stringente Benutzung sind zwei Doppelseiten komplett leer geblieben (12v/13r, 21v/22r) und eine Zeichnung steht auf dem Kopf (36v). Angeregt durch ihren Lehrer Wilhelm Schadow machen sich Eduard Bendemann, Julius Hübner, Carl Ferdinand Sohn und Theodor Hildebrandt im Herbst 1829 auf nach Italien, wo sie bis - 1831 verweilen. Für Julius Hübner und Pauline Bendemann, die am 21. Mai 1829 geheiratet hatten, ist die Fahrt nach Italien zugleich die Hochzeitsreise, auf der sie in Mailand mit Paulines (und Eduards) Eltern Anton und Fanny Bendemann zusammentreffen und gemeinsam über Genua und - Florenz nach Rom weiterreisen. Die gesamte Familie wohnt in einem Haus an der Piazza del Popolo, das viele Deutsche besuchten und das durch die Gastfreundschaft der Familie unter dem Namen „Casa-Bendemann-Hübner“ bekannt ist. Im September 1830 kommt auch der Lehrer Wilhelm Schadow mit seiner Familie nach Italien, um erneut das Land zu bereisen; den Winter 1830/31 verbringt man gemeinsam in Rom. Bereichert wird die Gemeinschaft vor allem durch die neue - freundschaftliche Beziehung zu dem Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Dieser berichtet seinen Schwestern Fanny und Rebecka am 22. November 1830: „Mit Bendemanns u. Hübners u. den jungen Malern lebe ich lustig u. froh, es ist eine muntere Nation, (Herr Gott, eben kommen sie alle angerückt, Schadow an der Spitze [...]).“ Über den gesamten Italienaufenthalt sind wir vor allem durch das „Familienbuch“ sowie das italienische Reisetagebuch von Julius Hübner, enger Freund und Schwager Eduard Bendemanns, unterrichtet. Vom 14. November 1829 bis Mai 1831 bleibt die Familie hauptsächlich in Rom. Julius Hübners Sohn Emil (1834-1901) erinnert sich an das gemeinsame Leben in der ewigen Stadt: - „Am 14. November 1829, dem Geburtstag der Großmutter, trafen sie alle wohlbehalten in Rom ein, bei mildem, - trübem Wetter. Der alte General von Lepel, Adjutant des in Rom lebenden Prinzen Heinrich von Preußen, vermietete - ihnen die Hälfte seiner großen Wohnung in der Via del Babuino, gleich links von der Piazza del Popolo. [...] Hier richtete sich die Familie häuslich ein. Antoine, der Reisediener der Großeltern, vortrefflich, so lange er nüchtern war, und die höchst ungeschickte Berliner Zofe besorgten die Bedienung. Die Mahlzeiten brachte ein Facchino in einem auf dem Kopf getragenen großen Korb aus einer nahen Trattoria. Nach kurzer Zeit trafen die Brüder Emil und Eduard [Bendemann], Wilhelm Schadow und Frau aus Düsseldorf nebst Sohn und Hildebrandt - in Rom ein, und es entwickelte sich ein reges gesellschaftliches Leben. Nähere Beziehungen zu dem Hause Bunsen, - des damaligen preußischen Gesandten beim Papst, wurden eher gemieden als gesucht, weil man sich selbst - genug war und jeden Zwang verwünschte. Auch der eigentliche Künstlerkreis blieb ihnen fern, obgleich Thorwaldsen - zuweil gern erschien und sich feiern ließ. Desto häufiger erschien Felix Mendelssohn und spielte ihnen - Beethovens Ouvertüre zum Coriolan in einer freien Klavierbearbeitung vor, die alle entzückte, und aus seinen eigenen Kompositionen. Seine Studien der alten Musik Palestrinas trieb er mit einem feinen italienischen Kenner, - dem Abbate Santini, der bald ein Hausfreund in casa Bendemann wurde. Mein Vater hat ein reizvolles Bildnis - von ihm gezeichnet. Ihn, den nüchternen Italiener, erstaunte die stets reich besetzte Tafel und der gute Appetit - im Hause: in casa Bendemann sempre si mangia e si beve war sein oft zitierter Ausspruch. Damals passierte unter - anderem, daß der Großvater dem Maler Schlesinger aus Frankfurt am Main, der zum ersten Mal ins Haus kam, - die Anwesenden ganz harmlos also vorstellte: ‚mein ältester Sohn, mein jüngster Sohn, mein Schwiegersohn, Herr - Mendelssohn, Herr Sohn‘. Das laute Lachen der Anwesenden machte den Gast so verdutzt, daß er den Scherz für - beabsichtigt hielt.“ Während das Ehepaar Hübner – Julius und Pauline – vom 12. Mai bis zum 20. Juni 1831 auf der - Rückreise von Rom nach Berlin Aufenthalte in Siena, Florenz, Bologna, Padua und Venedig einlegt, macht sich Wilhelm Schadow mit seinen Schülern und Felix Mendelssohn Bartholdy auf den Weg nach Rom und Neapel. Zwischen dem 10. und 15. Mai 1831 fährt man über Sorrent, Amalfi und Salerno nach Paestum. Die Familie Schadow tritt am 16. Mai die Rückreise an, aber die „vier jungen Männer“ bleiben noch in Neapel und reisen von dort nach Ischia und Capri. Mendelssohn - berichtet hierüber seinen Schwestern Fanny und Rebecka: - „[…] in Corpore heißt die Reisegesellschaft nach den Inseln, die aus Eduard Bendemann, einem netten jungen Maler mit Schnurrbart u. Strohhut, sonst nur Edechen genannt, ferne aus Th. Hildebrand[t] […] endlich aus Carl Sohn u. Felix Mendelssohn Bartholdy bestand.“ Mendelssohn berichtet auch über das gemeinsame Zeichnen auf der Reise: „Unter dem Bogen war man nun vor Regen geschützt, da setzten wir uns alle viere hin u. zeichneten den ganzen lieben Tag lang uns den Hof ab, so zierlich es gehen wollte; ich habe mich überhaupt nicht genirt, sondern immer mitgezeichnet u. glaube etwas profitirt zu haben.“ Im Juli 1831 ist Bendemann in den Albaner Bergen unterwegs. Zwischen dem 5. und 17. Juli lässt - sich die Reiseroute durch Zeichnungen und Eintragungen im Skizzenbuch, das sich heute in der Akademie der Künste in Berlin befindet, rekonstruieren. Das Göttinger Skizzenbuch beginnt er am 20. August in Florenz, es zeigt demnach Zeichnungen aus der Zeit danach, vermutlich Stationen - von der Rückreise nach Deutschland. Der Annahme Kreys, Bendemann sei gemeinsam mit Sohn und Hildebrandt spätestens im August 1831 wieder nach Berlin zurückgekehrt, muss an dieser Stelle widersprochen werden, denn die Zeichnungen und Notizen im Göttinger Skizzenbuch bezeugen - seinen Aufenthalt zwischen 20. August und 5. September in Italien. Auf der letzten Seite (44r und hinterer Innendeckel) schreibt Bendemann skizzenhaft seine Reiseroute - vom 2. bis 5. September nieder: Am 2. September fährt er von Venedig (3r, 7r, 9r, 10r, 11r,14r) nach Verona, wo er auch am 3. September Besichtigungen vornimmt. Da Padua auf dem Weg - von Venedig nach Verona liegt, darf man annehmen, dass die beiden Skizzen 4r und 6r am 3. September auf der Durchreise entstanden. Am 4. September geht es weiter nach Mantua (5r), am 5.September zurück nach Verona. Bendemann hält sich nachweislich am 20. August in Florenz auf (1r und 41v), weshalb es wahrscheinlich ist, dass die Studie in Bologna (5r) auf der Fahrt nach Norden zwischen 20. August und 1. September angefertigt wurde. Zwischen dem 20. August und dem 1. September wird Bendemann einen Ausflug Richtung Westen nach Pisa unternommen haben (42r). Die letzten Zeichnungen der ersten Lage sind vielleicht auf der Rückreise nach Deutschland in Österreich oder Süddeutschland entstanden, denn für diese Gegenden sind die eisernen Grabkreuze und die Tracht der davor knienden Frau auf 17r eher typisch als für Italien oder Norddeutschland. - Dasselbe gilt für die Gebirgslandschaft (15v/16r), das Gehöft (18r) sowie die Frau in ländlicher Tracht (20r). Die Zeichnungen der mittleren Lage entstanden zum größten Teil auf einer Harzreise, die Bendemann im September 1832 unternommen hat (vgl. 25r mit entsprechender Bezeichnung). Die - meisten Zeichnungen macht er im Dom zu Halberstadt (27r, 28r, 29r, 30r), in Wernigerode zeichnet er das Rathaus (21r) und Personen in typischer Tracht (23r), in Herzberg interessiert ihn das Schloss (25r). Die drei zwischen diesen Studien liegenden Hügel- und Felsskizzen (24r, 26r, 26v) zeigen vermutlich die Landschaft im Harzgebirge. Auf 40v und 41r zeichnet Bendemann Figurenstudien zu Goethes Götz von Berlichingen. Das Thema wird ihn mehr als 20 Jahre später erneut beschäftigen, denn 1854 erscheinen 10 Holzschnitte - zur J.W. von Goethes Götz von Berlichingen, die nach seinen Zeichnungen angefertigt wurden. Die weitaus bedeutendste und interessanteste Zeichnung der letzten Lage ist die Entwurfsskizze zu dem Gemälde Gefangene Juden in Babylon. Es scheint fraglich, ob diese Skizze wirklich in Italien - oder doch vielleicht in Deutschland angefertigt wurde, folgt sie doch hinter den Skizzen eines eher deutsch anmutenden gotischem Maßwerkfensters (39r) und zwei Studien von einer Reise nach Oberwesel (36v, 37v). Da jedoch bereits zwei Gewandskizzen in dem erwähnten Skizzenbuch in - der Berliner Akademie der Künste identifiziert werden konnten und sich in der hinteren Lage weitere Zeichnungen aus Italien (41v, 42r) befinden, darf man davon ausgehen, dass Bendemann sich mit dem Entwurf wirklich bereits während der Italienreise beschäftigt hat.
Sign in to order prints, canvas, and more of this work. Browsing and full-resolution downloads stay free.