Teeglas samt Untertasse mit Herrscherbildnis
Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Teeglas samt Untertasse mit Herrscherbildnis

Unknown artist

CC0 — Public Domain
Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Das zu einem Tulpenkelch geschweifte Teeglas (im Stil von Karaffe und sechs Sektgläsern mit den Inv.-Nrn. 2009/909 und 2009/912) ist aus transparentem, farblosem Glas. Die dazugehörige Untertasse ist aus Porzellan. Ein Prägestempel am Fuß imitiert eine chinesische Herstellermarke.Das Glas ist wie der Rand der Untertasse rötlich gefärbt und mit stilisierten goldenen Ornamenten überzogen. Direkt unter dem Rand des Kelchs findet sich auf einer Seite das in ein ovales Medaillon eingebundene mehrfarbig gedruckte Brustbild des Nāser ad-Din Schāh (1831-1896). Das Portrait wiederholt sich im Spiegel der Untertasse.Nāser ad-Din Schāh war von 1848 bis 1896 Schah von Persien und entstammte der Dynastie der Qadjaren (1779-1925). Als erster Schah bereiste er 1873 Europa. Nāser ad-Din Schāh ist eine populäre Figur im Iran. Unter den qajarzeitlichen Herrschern hebt er sich als charaktervoller und politisch durchsetzungsfähiger Herrscher hervor. Erste Bemühungen um einen Anschluss des Landes an die westliche Moderne geschahen unter seiner Regierung. Das erklärt seine Beliebtheit im heutigen Gottesstaat Iran. Geschirr mit seinem Bildnis gehört zu den Klassikern nationaler Nostalgie im heutigen Iran.Der Monarch trägt eine Uniform nach europäischem Vorbild. Diese Art der Uniform nimmt ihren Ausgang von der napoleonischen Diplomatenkleidung. Der Federbusch am Hut ist jedoch ein älteres orientalisches Herrscherzeichen, die von Mogul-Indien beeinflusst wurde.Herrscherbildnisse haben im Nahen Osten eine lange Tradition. Der Islam begünstigte zwar eine Entwicklung hin zu typisierenden Darstellungsweisen. Spätestens im 15. Jahrhundert entstanden jedoch durch den Kontakt mit der europäischen Malerei zunächst im Osmanischen Reich (um 1299-1922) erste Portraits mit individuellen Zügen.Durch die Verbreitung der Fotografie seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts im Iran verstärkte sich der Einfluss westlicher Portraitkunst auch hier. Nāser ad-Din Schāh gründete im Iran als erster eine Akademie der Fotografie innerhalb der Mauern des Golestān-Palastes in Teheran und fotografierte auch selbst. Vor allem im Selbstbildnis von Herrschern kam es nun zu einer ikonografischen Verbindung von eigener Tradition, wiederbelebter Antike und programmatischer Hinwendung zur westlichen Moderne.Das tulpenförmig geschweifte Teeglas, das wir heute von unseren türkischstämmigen Landsleuten kennen, gilt auch in der Türkei als genuin türkisch. Kaum ein Teehaus oder ein Heim, dass dem Besucher dieses Glas nicht auf den Tisch stellt. Beleuchtet man aber seine Geschichte, so stößt man auf ein gleichförmiges Glas, dessen Geburtsstunde - wie die des Tees selbst - in andere Weltgegenden fällt.Im Zuge der Orient-Mode wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Glas in Wien von einem der bekanntesten Handelshäuser für Glaswaren, »J. & L. Lobmeyr«, entworfen (vgl. Inv. Nrn. 55/196 und 55/197).Für seine weltweite Verbreitung sorgten seit dem frühen 19. Jahrhundert böhmische Glashütten, mit denen das Handelshaus enge wirtschaftliche Beziehungen zum Orient unterhielt. Vor allem das rubinrot getönte Glas als ein Charakteristikum böhmischer Glashütten erfreute sich im Nahen Osten so großer Beliebtheit, dass es heute längst zum eigenen Kulturgut zählt. Das Glas wird sogar mit einer für rein orientalisch gehaltenen Genusskultur assoziiert und entsprechend nachgeahmt. Seien es Gläser, Karaffen, Leuchter, Teile von Wasserpfeifen oder Flakons: Der böhmische Exportschlager ist als Einrichtungsgegenstand in fast jedem orientalischen Haushalt vertreten.Literatur: Schoole Mostafawy, Woraus Şerbet eingeschenkt und Tee getrunken wird. In: Badisches Landesmuseum Karlsruhe. 100 Objekte - 100 Geschichten. Dem Fremden im Eigenen auf der Spur, hrsg. vom Badischen Landesmuseum, bearb. von Schoole Mostafawy, Karlsruhe 2014, S. 99, Kat. 74; Jakob Möller, Identifikation und Identitätsstiftung mit Einrichtungsgegenständen, In: Das fremde Abendland? Orient begegnet Okzident von 1800 bis heute (= Ausstellungskatalog zur Sonderausstellung im Badischen Landesmuseum, Museum beim Markt 2010/2011), hrsg. von Schoole Mostafawy und Harald Siebenmorgen, Stuttgart 2010, S. 151, Kat. 117; WeltKultur / Global Culture. Führer durch die kulturgeschichtliche Abteilung, hrsg. vom Badischen Landesmuseum, Karlsruhe 2014, S. 152, Abb. 179.

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