Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)

http://data.europeana.eu/agent/60816 · 1920

CC0 — Public Domain
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Die Tafelbilder der Nachkriegszeit markieren am Beginn der mittleren Schaffensphase einen qualitativen Höhepunkt in Klees Werk. 1919/20 entstand die Gruppe der „rhythmischen Baumlandschaften“. Neben „Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)“ zählen die Werke „Rhythmie der Fenster und Tannen“, 1919.204, „Rhythmie herbstlicher Bäume“, 1920.40, „Rhythmische Baumlandschaft“, 1920.41, sowie einige zum Teil anders betitelte Werke in diese Gruppe. All diese Tafelbilder sind aufgebaut aus sich rhythmisch wiederholenden irregulären geometrischen Grundformen. Die Bildfläche von „Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)“ ist durch feine, dunkle, parallel geführte Linien strukturiert. In die dadurch entstehenden Horizontalstreifen unterschiedlicher Breite sind kreisrunde Formen auf senkrechten Schäften eingefügt. Diese vertikalen Gliederungselemente unterteilen die dominanten Horizontalstreifen, so daß einzelne Felder entstehen, die unterschiedlich farbig gefüllt sind. Unmittelbar assoziiert der Betrachter eine Landschaft mit Bäumen. Da die vertikalen Elemente in ihrer Anordnung gegeneinander verschoben sind, entsteht der Eindruck einer allseitigen Ausdehnung des Bildfeldes; das Bild erscheint als Ausschnitt aus einer unbegrenzt fortsetzbaren Struktur. In diesem Aufbau ist „Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)“ den reinen Landschaftsgemälden „Rhythmische Baumlandschaft“ und „Rhythmie herbstlicher Bäume“ nahe verwandt. Nun fügt sich jedoch ein Tierkörper in die Baumrhythmen ein: Je zwei Dreiecke für die Ohren und die Höcker, zwei Kreise für die Augen, eine Senkrechte mit geschwungenem Ende für den Schwanz, vier Streifen für die Beine werden durch eine dunkle Umrißlinie zu einer Gesamtform geschlossen. Obwohl das Kamel in der Bildmitte plaziert ist, dominiert es das Bildganze nicht; vielmehr scheinen die Landschaftselemente durch den Tierkörper hindurch und machen ihn auf diese Weise zu einem integralen Teil der Landschaft. Mehrere Autoren fühlten sich aufgrund der Verbindung linearer und kreisförmiger Elemente in „Kamel (in rhythm. Baumlandschaft)“ an Musiknoten erinnert. Die Analogien zur Musik sind in Klees Œuvre vielfältiger Natur; in einer Reihe von Werken ließ er sich auch von der grafischen Form von Partituren oder einzelnen Notationszeichen anregen. Christiane Dessauer-Reiners weist jedoch darauf hin, daß die Assoziation mit Musik hier nicht nur auf der Ähnlichkeit mit Notenzeichen beruhe, sondern daß sich der Eindruck des Rhythmischen direkt aus dem Zusammenwirken polarer Kräfte ergebe. In seiner 4. Vorlesung am Bauhaus, gehalten am 16. Januar 1922, hat Klee das Rhythmische durch den Hauptgegensatz „dividuell – individuell“ gefaßt. Dividuell, eine Wortschöpfung Klees, heißt „teilbar“. Der dividuelle oder strukturale Rhythmus ist in seinem niedrigsten Entwicklungsgrad definiert als „Addition von reinen Einheiten nach einer linearen Richtung“. Darauf aufbauend können sich verschiedene Differenzierungen der repetitiven Struktur in eine oder mehrere Richtungen ergeben. Der dividuelle Rhythmus im Bildnerischen ist dem Takt im Musikalischen verwandt.

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